Ein Alien über Kaffee: Kirks Missionsbericht aus der Koffein-Zivilisation

Es gibt Fragen, an denen die interstellare Forschung seit Jahrzehnten scheitert. Warum bauen Erdlinge Häuser aus Stein, wenn Materiesynthesizer so viel effizienter wären? Warum tragen sie Uniformen, die niemand befiehlt? Und, die schwerste von allen: Warum trinken sie freiwillig eine heiße, bittere, schwarze Flüssigkeit — und behaupten anschließend, sie könnten ohne diese Flüssigkeit nicht funktionieren?

Ein Alien über Kaffee: Das klingt nach einem Randthema. Tatsächlich ist es der Schlüssel zum Verständnis der gesamten menschlichen Zivilisation. Xyphor Venthax vom Planeten Varlor — auf der Erde bekannt als „Kirk“ — hat das früh begriffen. In seinem ersten Frühstück im Roman „Alien im Wunderland“ begegnet er dem Getränk zum ersten Mal. Und er begeht dabei jeden Fehler, den ein Neuling begehen kann.

Kirk-Meme: Missionsbericht #421 — Wenn beim Kaffeetrinken Schmerzen in einem der Augen auftreten, unbedingt den Löffel entfernen — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Ein Alien über Kaffee: die Ausgangslage

Auf Varlor gibt es keinen Kaffee. Es gibt Konoi-Früchte, es gibt Nahrungsgranulat, es gibt Materiesynthesizer, die alles herstellen können, was man braucht — und deshalb gibt es dort seit über zweihundert Orban auch kein Geld mehr. Was es nicht gibt, ist die Idee, dass man eine Pflanze rösten, mahlen, mit kochendem Wasser überbrühen und den entstehenden bitteren Aufguss dann zum Mittelpunkt des eigenen Tagesablaufs machen könnte.

Kirk landet in Nordhessen, wird von Oma Gerda aufgenommen — die bei seinem gewählten Namen übrigens hartnäckig an Kirk Douglas denkt, nicht an Captain Kirk — und bekommt am nächsten Morgen ein Frühstück serviert. Rührei mit Speck. Dazu eine Tasse mit einer dampfenden, tiefdunklen Substanz. Kirk, geschult in exobiologischer Vorsicht, trinkt einen Schluck.

Der Rest ist Missionsgeschichte.

Beobachtung 1: Der Geschmack ist eine Warnung — und wird ignoriert

In der Natur bedeutet bitter fast immer dasselbe: nicht essen. Bitterkeit ist das chemische Alarmsignal, mit dem Pflanzen seit Jahrmillionen mitteilen, dass sie ungenießbar oder giftig sind. Jedes Lebewesen mit einem funktionierenden Selbsterhaltungstrieb versteht diese Botschaft sofort.

Der Mensch versteht sie auch. Der Mensch trinkt trotzdem. Er trinkt sogar täglich, und wenn man ihm das Getränk wegnimmt, entwickelt er Kopfschmerzen und schlechte Laune — was Kirk in seinen Notizen als „Entzugserscheinung bei freiwillig konsumiertem Nervengift“ verbucht. Der Mensch hat also die Warnung nicht überhört. Er hat sie gehört, verstanden und beschlossen, sie zu überstimmen. Das ist, wenn man ehrlich ist, ziemlich beeindruckend.

Beobachtung 2: Der Zuckerwürfel ist eine Rettungskapsel

Kirks erste Reaktion auf die Bitterkeit ist die eines vernünftigen Wesens: Er sucht nach einer Gegenmaßnahme. Oma Gerda liefert sie in Form kleiner weißer Würfel, die man in die Flüssigkeit wirft, wo sie sich unter Blasenbildung auflösen.

Das ist der Moment, in dem Xy eine grundlegende menschliche Technik lernt: Der Mensch macht ein Problem nicht weg — er legt etwas Angenehmes darüber. Er entfernt nicht die Bitterkeit, er überdeckt sie. Dieselbe Technik findet Kirk später überall wieder: in der Werbung, in der Politik, in der Art, wie Menschen über ihre Arbeit sprechen. Kaffee mit Zucker ist die Einstiegsdroge in ein ganzes kulturelles Prinzip.

Wer wissen will, wie konsequent Kirk dieses Prinzip weiterverfolgt, findet die Fortsetzung in seinen Berichten über Fernsehen und Werbung und über Konsum und Kapitalismus.

Beobachtung 3: Milch verwandelt Schwarz in Braun — und Feind in Freund

Der nächste Schritt der Zivilisierung ist der Milchschuss. Hier stolpert Kirk allerdings über eine Frage, die ihn noch lange beschäftigen wird: Diese Milch stammt vom Nachwuchs eines völlig anderen Planetenbewohners. Der Mensch hat also ein vierbeiniges Wesen domestiziert, um dessen Säuglingsnahrung in seinen bitteren Pflanzenaufguss zu gießen.

„Auf Varlor“, notiert Kirk sinngemäß, „hätte man dafür einen Ausschuss gegründet.“

Und trotzdem: Es funktioniert. Die Flüssigkeit wird milder, heller, freundlicher. Aus dem Angriff wird ein Angebot. Kirk trinkt die Tasse leer. Am nächsten Morgen trinkt er wieder eine. Und irgendwann, das darf man verraten, gehört Kaffee zu den wenigen Dingen der Erde, auf die er nicht mehr verzichten mag. Es ist eine der stillsten und schönsten Kapitulationen des Romans.

Kirk-Meme: Missionsbericht #815 — Die wichtigste Maschine eines Unternehmens ist nicht der Server, sondern der Koffein-Spender — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Beobachtung 4: Der Löffel bleibt stecken

Nicht jede Lektion geht schmerzfrei aus. Kirks Missionsbericht #421 hält eine Erkenntnis fest, die auf Varlor vermutlich nie jemand aufschreiben musste: Wenn beim Kaffeetrinken Schmerzen in einem der Augen auftreten — unbedingt den Löffel entfernen.

Das ist Kirk in Reinform. Er beobachtet, er dokumentiert, er zieht einen Schluss — und der Schluss ist vollkommen korrekt, nur eben etwa fünfzehn Sekunden zu spät. Der Löffel ist eines der unterschätzten Rätsel der irdischen Esskultur: ein Werkzeug, das man benutzt und dann wieder herausnimmt, obwohl es in der Tasse bleiben darf. Nirgendwo steht das geschrieben. Menschen wissen es einfach. Kirk musste es sich erarbeiten.

Ähnlich unbeschriebene Regeln findet er später beim Einkaufen im Supermarkt, beim Trinkgeld und beim Kochen nach Rezept.

Beobachtung 5: In jedem Bürogebäude steht ein Altar

Die zweite große Kaffee-Erkenntnis fällt Kirk außerhalb von Oma Gerdas Küche zu. Er beobachtet die Arbeitsstätten der Erdlinge — riesige Gebäude voller Menschen, die auf leuchtende Rechtecke starren — und stellt fest, dass in jedem dieser Gebäude ein Gerät steht, um das sich alles gruppiert.

Es ist nicht der Server. Es ist der Koffein-Spender.

Kirks Missionsbericht #815 hält es unmissverständlich fest: Die wichtigste Maschine eines Unternehmens ist nicht der Server, sondern der Koffein-Spender. Fällt der Server aus, arbeiten die Menschen ärgerlich weiter. Fällt die Kaffeemaschine aus, endet die Zivilisation für diesen Tag. Kirk hat außerdem beobachtet, dass sich Menschen an diesem Gerät versammeln, um Informationen auszutauschen, die sie einander niemals per Nachricht schreiben würden. Der Koffein-Spender ist kein Getränkeautomat. Er ist eine Nachrichtenagentur mit angeschlossener Heißwasserfunktion.

Beobachtung 6: Flüssignahrung als Kulturtechnik

Kaffee ist für Kirk kein Einzelfall, sondern der Einstieg in ein größeres Muster. Die Erdlinge nehmen erstaunlich viel von dem, was sie brauchen, in flüssiger Form zu sich — und sie machen daraus jedes Mal ein Ritual. Es gibt eine Tageszeit für Kaffee, eine für Tee, eine für Bier. Es gibt Gefäße, die man nicht verwechseln darf, und Gelegenheiten, zu denen man das jeweils Falsche nicht bestellt.

Kirk-Meme: Missionsbericht #410 — Zur Versorgung der Erdbevölkerung mit Flüssignahrung werden große Zelte errichtet, in denen in spezieller Uniform mit Gesängen dieser Nahrung gehuldigt wird — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Wie weit die Erdlinge dieses Prinzip treiben, hält Kirk in Missionsbericht #410 fest: Zur Versorgung der Bevölkerung mit Flüssignahrung errichten sie regelmäßig große Zelte, in denen in spezieller Uniform und unter Gesängen dieser Nahrung gehuldigt wird. Kirk hält das zunächst für einen religiösen Ritus. Er liegt damit, wie er später einräumen muss, nicht vollständig falsch — nachzulesen in seinen Beobachtungen zum Oktoberfest und zu deutschem Bier und Essen.

Was ein Alien über Kaffee am Ende wirklich lernt

Die Pointe von „ein Alien über Kaffee“ ist nicht, dass Kaffee komisch schmeckt. Die Pointe ist, was der Mensch mit diesem Geschmack anstellt.

Kirk beginnt seine Kaffee-Karriere als Analytiker und beendet sie als Konsument. Genau darin liegt die Erkenntnis: Der Mensch trinkt Kaffee nicht, weil er gut schmeckt, sondern weil er etwas bedeutet. Die erste Tasse markiert den Beginn des Tages. Die Tasse mit dem Kollegen markiert Vertrauen. Die Tasse, die Oma Gerda ungefragt hinstellt, markiert, dass man dazugehört. Der Kaffee ist nur das Transportmittel. Transportiert wird etwas anderes.

Und das ist die eigentliche Lektion des Romans: Fast nichts, was Menschen tun, handelt von dem, wovon es zu handeln scheint. Kirk braucht ein ganzes Buch, um das zu verstehen. Die meisten Leser brauchen ungefähr drei Kapitel — und lachen auf dem Weg dorthin ziemlich oft.

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Häufig gestellte Fragen: ein Alien über Kaffee

Kommt Kaffee im Roman „Alien im Wunderland“ wirklich vor?
Ja. Kirks erste Begegnung mit Kaffee gehört zu seinen frühen Erfahrungen auf der Erde und findet bei Oma Gerda am Frühstückstisch statt — inklusive Bitterkeit, Zuckerwürfeln und Milchschuss. Kaffee begleitet ihn anschließend durch den gesamten Roman.

Wer ist Kirk — und warum heißt er so?
Kirk heißt eigentlich Xyphor Venthax und stammt vom Planeten Varlor. „Kirk“ ist ein selbstgewähltes Pseudonym, weil er Captain Kirk aus Star Trek bewundert. Einen Rang trägt er nicht — er ist kein Commander, auch wenn ihn im Internet viele so suchen. Oma Gerda hört bei „Kirk“ ohnehin nur Kirk Douglas. Mehr dazu im Beitrag „Commander Kirk“.

Muss ich Science-Fiction mögen, um den Roman zu verstehen?
Nein. „Alien im Wunderland“ ist eine satirische Alltagsbeobachtung im Science-Fiction-Gewand. Es gibt keine Raumschlachten und keine Technik-Vorlesungen — es gibt einen Außerirdischen, der versucht, das Frühstück zu verstehen. Wer „Per Anhalter durch die Galaxis“ mochte, ist hier richtig.

Für wen eignet sich der Roman als Geschenk?
Für alle, die gerne lachen und dabei nicht für dumm verkauft werden wollen. Besonders gut funktioniert er bei Leuten, die morgens vor der ersten Tasse nicht ansprechbar sind — sie erkennen sich in Kirk wieder. Weitere Ideen im Geschenk-Guide.

Weitere Missionsberichte von Kirk

Kirk hat die Erde nicht nur beim Frühstück beobachtet. Hier sind alle bisherigen Missionsberichte und Analysen zum Roman „Alien im Wunderland“:

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