Ein Alien über Silvester und Feuerwerk: Kirks Missionsbericht zum Jahreswechsel

Ein Alien über Silvester und Feuerwerk zu befragen, ist ungefähr so, als würde man einen Buchhalter bitten, ein Gewitter zu erklären. Xyphor Venthax – auf der Erde bekannt als „Kirk“ – hat den 31. Dezember mit der Gründlichkeit eines Wissenschaftlers protokolliert, der eigentlich nur wissen wollte, warum ein Planet einmal im Jahr geschlossen den Verstand verliert. Das Ergebnis ist ein Missionsbericht, der weniger über Raketen erzählt als über die Erdlinge, die sie zünden.

Für alle, die neu hier sind: Kirk ist der Protagonist des Romans „Alien im Wunderland“ von Thomas Tausend. Er lebt bei Oma Gerda in Nordhessen, nennt sich nach seinem Lieblingsmenschen aus einer alten Fernsehserie – und Oma Gerda denkt dabei bis heute an Kirk Douglas. Seine Beobachtungen der Menschheit sammelt er in Missionsberichten. Dieser hier stammt aus der lautesten Nacht des Jahres.

Ein Alien über Silvester und Feuerwerk: die Ausgangslage

Kirks Problem beginnt bereits bei der Prämisse. Ein Jahreswechsel ist – astronomisch betrachtet – nichts. Kein Ereignis, kein Übergang, keine Schwelle. Der Planet befindet sich exakt an derselben Stelle seiner Bahn wie eine Sekunde zuvor, nur mit einer anderen Zahl im Kalender. Aus Sicht eines Wesens, das interstellare Distanzen gewohnt ist, ist Silvester das aufwendigste Fest, das je zu Ehren eines Rundungsfehlers gefeiert wurde.

Und trotzdem: Kirk feiert mit. Nicht weil er es versteht, sondern weil ihm irgendwann auffällt, dass Verstehen und Mitfeiern bei den Erdlingen zwei völlig getrennte Systeme sind. Wer sich für weitere Rituale dieser Art interessiert, findet in Kirks Übersicht über die seltsamsten Bräuche der Erdlinge und in seiner Sammlung menschlicher Rituale reichlich Nachschub.

Beobachtung 1: Erdlinge beschießen den Himmel mit ihrem Geld

Kirk-Meme: Kirk erlebt Schärfestufe 5 im indischen Restaurant wie einen kontrollierten Raketenstart — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Der erste Eintrag im Bericht ist der fassungsloseste. Menschen arbeiten das ganze Jahr über für kleine bedruckte Papiere und digitale Zahlen. Am 31. Dezember kaufen sie dafür Pappröhren, stecken sie in leere Flaschen und schicken sie in die Atmosphäre, wo sie sich in Lärm und Rauch auflösen. Der Gegenwert: etwa drei Sekunden farbiges Licht.

Kirk hält das für die ehrlichste Form von Konsum, die er auf der Erde beobachtet hat. Bei einem neuen Fernseher tut man wenigstens so, als wäre er nützlich. Bei einer Rakete gibt niemand vor, dass sie irgendetwas könnte, außer schön zu explodieren. Wer Kirks größeren Zusammenhang dazu sucht: In seinem Missionsbericht über Geld und Kapitalismus und in seiner Analyse des ewigen Habenwollens seziert er das System dahinter deutlich ausführlicher.

Übrigens: Mit dem Begriff „Raketenstart“ hatte Kirk schon vorher Erfahrungen – allerdings in einem indischen Restaurant, Schärfestufe 5. Auch das war eine kontrollierte Explosion, nur mit weniger Zuschauern.

Beobachtung 2: Das Nervengift kommt an diesem Abend mit Bläschen

Kirk-Meme: Kirk beobachtet, wie Menschen das Nervengift Alkohol in immer neuen Getränken verstecken — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Kirk hat schon früh notiert, dass Menschen regelmäßig ein Nervengift zu sich nehmen und es in immer kreativeren Getränken verstecken. An Silvester erreicht diese Tarnkunst ihren Höhepunkt: Das Gift wird in Glas gefüllt, mit Kohlensäure versetzt, gekühlt, in Kelchen serviert und dann feierlich aneinandergeschlagen, bevor es getrunken wird.

Besonders bemerkenswert findet er das Geräusch. Erdlinge lassen ihre Gefäße zusammenklingen, blicken sich dabei zwingend in die Augen und behaupten, es bringe Unglück, wenn man das unterlässt. Ein Ritual innerhalb eines Rituals innerhalb einer Nacht, die es astronomisch gar nicht gibt. Kirks Kommentare zum irdischen Trinkverhalten finden sich auch in seinem kulinarischen Missionsbericht über deutsches Bier und in seinem fassungslosen Bericht aus dem Bierzelt.

Beobachtung 3: Für eine Nacht gilt Lärm als Tugend

Kirk-Meme: Kirk beschallt die Nachbarschaft mit guter Musik, ob sie will oder nicht — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Das Alltagsgesetz der Erdlinge ist eindeutig: Nach 22 Uhr herrscht Ruhe. Wer dagegen verstößt, bekommt Besuch von einem verärgerten Nachbarn im Schlafanzug – eine Erfahrung, die Kirk aus eigener Anschauung kennt. In der Silvesternacht jedoch wird dieses Gesetz für exakt einige Stunden komplett ausgesetzt.

Kirk hat dazu eine Theorie: Die Erdlinge halten sich das ganze Jahr an Regeln, die sie insgeheim für zu eng halten. Silvester ist das Ventil. Ein legalisierter Kontrollverlust mit Ansage, ähnlich wie das Kostüm-Chaos an Karneval, nur mit mehr Rauch. Wer die deutschen Regelwerke danach wieder in Aktion sehen will, sollte Kirks Missionsbericht aus dem Amt lesen.

Beobachtung 4: Geschmolzenes Metall soll die Zukunft verraten

Ein Erdling erhitzt eine kleine Menge Material, wirft sie in kaltes Wasser, betrachtet die entstandene Form und leitet daraus ab, was die kommenden zwölf Monate bringen. Kirk hat dieses Verfahren mehrfach beobachtet und kam zu einem klaren Ergebnis: Die Form sieht jedes Mal aus wie ein Klumpen. Die Deutung fällt trotzdem jedes Mal anders aus – und zwar exakt so, wie der Deutende es sich wünscht.

Das, notiert Kirk, ist kein Fehler des Verfahrens. Das ist der Zweck des Verfahrens. Menschen wollen keine Prognose, sie wollen eine Erlaubnis zur Hoffnung. Ähnlich funktioniert für ihn auch vieles an der irdischen Religion und an den Versprechen, die sich Erdlinge bei Hochzeiten geben.

Beobachtung 5: Das Versprechen, ab morgen ein anderer Mensch zu sein

Um kurz nach Mitternacht beginnt eine Phase, die Kirk als „kollektive Selbstumprogrammierung“ protokolliert. Erdlinge kündigen an, ab dem nächsten Tag weniger von dem einen und mehr von dem anderen zu tun. Sie meinen es ernst. Ihre Erfolgsquote liegt dennoch, so Kirks vorsichtige Schätzung, im unteren einstelligen Bereich.

Was ihn fasziniert, ist nicht das Scheitern. Es ist die Beharrlichkeit. Dieselben Menschen, die im Vorjahr gescheitert sind, formulieren dasselbe Versprechen erneut – mit unverändertem Optimismus. Für Kirk ist das der sympathischste Zug der ganzen Spezies. Mehr davon in seiner Analyse menschlicher Emotionen und in seiner Antwort auf die Frage, warum Menschen so seltsam sind.

Beobachtung 6: Am 1. Januar liegt das Wunderland in Trümmern

Der Morgen danach ist für Kirk der interessanteste Teil. Die Straßen sind mit den Resten der Nacht bedeckt. Und dann geschieht etwas, das er nicht erwartet hätte: Die Erdlinge räumen auf. Sortiert. In verschiedene Behälter. Nach einem System, das Kirk bis heute für das komplexeste Regelwerk des Planeten hält – nachzulesen in seinem Missionsbericht aus dem Tonnen-Dschungel.

Eine Spezies, die in einer Nacht ihr halbes Monatsbudget in die Luft schießt und am nächsten Morgen den Rest fachgerecht trennt, ist für Kirk kein Widerspruch. Sie ist einfach: menschlich.

Was ein Alien über Silvester und Feuerwerk am Ende wirklich lernt

Kirks Fazit fällt anders aus, als man es von einem außerirdischen Beobachter erwarten würde. Er hält Silvester nicht für dumm. Er hält es für notwendig.

Seine Begründung: Die Erdlinge wissen genau, dass der Jahreswechsel eine Erfindung ist. Sie feiern ihn trotzdem – weil ein Wesen, das seine eigene Endlichkeit kennt, offenbar Punkte braucht, an denen es innehalten darf. Der Kalender liefert diese Punkte. Das Feuerwerk macht sie sichtbar. Und der Krach sorgt dafür, dass sie sich niemand einreden kann.

„Alien im Wunderland“ ist ein satirischer Science-Fiction-Roman, der genau nach diesem Prinzip funktioniert: Ein Außenstehender beschreibt unsere Selbstverständlichkeiten so präzise, dass sie plötzlich merkwürdig wirken. Und kurz darauf: erstaunlich liebenswert. Wer den Ton mag, findet ihn auch in der Vorstellung des Romans als satirische Science-Fiction und in der ausführlichen Übersicht zum Roman.

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Häufig gestellte Fragen zu Kirks Silvester-Missionsbericht

Was denkt ein Alien über Silvester und Feuerwerk?
Kirk, der außerirdische Protagonist aus „Alien im Wunderland“, betrachtet Silvester als das aufwendigste Fest der Menschheit zu Ehren eines Kalenderdatums. Er hält das Feuerwerk für die ehrlichste Form von Konsum überhaupt, weil niemand behauptet, es sei nützlich.

Wer ist Kirk aus „Alien im Wunderland“?
Kirk heißt eigentlich Xyphor Venthax und stammt von einem fernen Planeten. Auf der Erde nennt er sich „Kirk“, weil er den Captain aus einer bekannten Fernsehserie bewundert. Einen militärischen Rang trägt er nicht. Oma Gerda, bei der er in Nordhessen unterkommt, denkt bei dem Namen ohnehin an Kirk Douglas.

Kommt Silvester im Roman „Alien im Wunderland“ vor?
Dieser Missionsbericht ist Kirks Kommentar zum irdischen Jahreswechsel, kein Szenenauszug aus dem Roman. Der Roman erzählt, wie Kirk auf der Erde landet, bei Oma Gerda in Nordhessen unterkommt und versucht, als Mensch durchzugehen – mit sehr gemischtem Erfolg.

Für wen ist der Roman geeignet?
„Alien im Wunderland“ ist ein humorvoller Science-Fiction-Roman für Leserinnen und Leser, die kluge Gesellschaftssatire mögen, ohne dabei belehrt zu werden. Wer „Per Anhalter durch die Galaxis“ mochte, findet hier einen verwandten Ton – nur mit mehr Nordhessen.

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