Ein Alien über Dating und Liebe: Kirks Missionsbericht vom ersten Date

Ein Alien über Dating und Liebe zu befragen ist ungefähr so, als würde man einen Fisch bitten, das Konzept „Fahrrad“ zu erklären. Genau das macht die Sache so komisch. Xyphor Venthax – von den Erdlingen „Kirk“ genannt – stammt von einem Planeten, auf dem es keine Geschlechter gibt. Keine Balz, keine Blumensträuße, keine drei Tage Wartezeit vor der Antwort auf eine Nachricht. Und dann landet er in Deutschland, wo erwachsene Menschen einander Speiseöl-Fotos schicken, sich in Bars gegenübersitzen und so tun, als wäre das alles völlig normal.

Dieser Missionsbericht sammelt Kirks Beobachtungen zum vielleicht rätselhaftesten aller irdischen Rituale. Wer Kirks Blick auf das Küssen oder auf die Liebe im Allgemeinen schon kennt, weiß: Es wird nicht schmeichelhaft. Aber es wird ehrlich.

Ein Alien über Dating und Liebe: Kirks Ausgangslage

Um zu verstehen, warum Kirk am irdischen Dating verzweifelt, muss man wissen, womit er startet. Varlorianer kennen keine Zweigeschlechtlichkeit. Fortpflanzung ist bei ihnen eine organisatorische Angelegenheit, ungefähr so aufregend wie eine Steuererklärung, nur mit weniger Formularen. Es gibt keine Anziehung, keine Eifersucht, kein Herzklopfen. Es gibt Effizienz.

Und dann kommt er hier an. Bei Oma Gerda in Nordhessen, die ihn bis heute für einen entfernten Verwandten hält und beim Namen „Kirk“ sofort an Kirk Douglas denkt. Von dort aus beobachtet Xy eine Spezies, die ihre gesamte Kultur, Wirtschaft und Freizeitgestaltung darauf ausgerichtet hat, andere Exemplare der eigenen Art zu beeindrucken. Kirks erste Notiz dazu ist kurz: „Sie tun nichts, ohne dabei zu hoffen, dass jemand zuschaut.“ Wer das Prinzip vertiefen will, findet es auch in seiner Gesamtbewertung unserer Gesellschaft.

Was ein Alien über Dating und Liebe nicht versteht: 7 Beobachtungen

1. Das erste Date ist ein Bewerbungsgespräch mit Alkohol

Zwei Menschen treffen sich, um herauszufinden, ob sie einander mögen. Statt das einfach zu fragen, führen sie ein zweistündiges Verhör über Berufe, Reiseziele und Lieblingsserien. Beide sind besser gekleidet als je zuvor in ihrem Leben, beide lachen über Dinge, die nicht lustig sind, und beide behaupten, sie würden „total gerne wandern“. Kirks Fazit: ein Vorstellungsgespräch, bei dem beide Seiten gleichzeitig Bewerber und Personalabteilung sind – und niemand die Stelle wirklich ausgeschrieben hat.

2. Erdenmänner haben Gefühle – nur nicht dort, wo man sie sucht

Kirk-Meme: Erdenmaenner und ihre Gefuehle am Autowaschplatz — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Eine der hartnäckigsten irdischen Behauptungen lautet, die männliche Hälfte der Spezies sei emotional verschlossen. Kirk widerspricht. Er hat sie beobachtet, samstags, an einem Ort, den sie Autowaschplatz nennen. Dort knien erwachsene Erdenmänner vor lackierten Metallkisten, streicheln sie mit weichen Tüchern und sprechen mit ihnen in einem Tonfall, den sie sonst für niemanden reservieren. Kirks Missionsbericht dazu ist eindeutig: Die Gefühle sind da. Sie sind nur an ein Objekt mit vier Rädern adressiert. Kirks Faszination für irdische Statusobjekte hat hier ihren Ursprung.

3. Geschenke sind ein Minenfeld aus Missverständnissen

Kirk-Meme: Ein silberner Anhaenger als Geburtstagsgeschenk — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Die Erdlinge tauschen zu bestimmten Anlässen Gegenstände aus, um Zuneigung zu beweisen. Der Haken: Was gewünscht wird, wird selten gesagt – und was gesagt wird, ist selten eindeutig. Kirks berühmter Missionsbericht über den „silbernen Anhänger“ zeigt das ganze Dilemma. Ein Wort, zwei Bedeutungen, ein sehr großes Geschenk auf dem Vorplatz. Wer Kirks Ratlosigkeit beim Schenken sympathisch findet, wird auch an seinem Bericht über irdische Schenk-Rituale Freude haben.

4. Die Sprache der Signale ist absichtlich unlesbar

Menschen im Anbahnungsstadium kommunizieren fast ausschließlich in Andeutungen. Sie schreiben „war schön gestern“ und meinen damit sieben verschiedene Dinge. Sie warten mit Antworten, obwohl das Gerät in ihrer Hand die Nachricht bereits vor vier Stunden zugestellt hat. Sie analysieren Satzzeichen. Kirk hat versucht, ein Übersetzungsprotokoll zu erstellen, und ist gescheitert – nicht an der Komplexität, sondern daran, dass die Sender selbst nicht wissen, was sie meinen. Ähnlich ratlos steht er vor der irdischen Sprache insgesamt.

5. Die Nachbarin um 3:07 Uhr

Kirk-Meme: Die Nachbarin und die naechtliche Schuhlieferung — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Zur Feldforschung gehört auch das, was man nicht sehen, aber sehr gut hören kann. Kirks Missionsbericht über die nächtlichen Aktivitäten der Nachbarschaft ist ein Klassiker seiner Beobachtungsreihe: eine Spezies, die tagsüber über Lärmschutz diskutiert, den Bordstein kehrt und beim leisesten Rasenmäher die Ordnungsbehörde ruft – und nachts um drei Uhr sieben ganz andere Prioritäten setzt. Kirk hält fest: Was die Erdlinge öffentlich regeln und privat tun, sind zwei völlig verschiedene Zivilisationen. Dieselbe Doppelmoral notiert er in seiner satirischen Betrachtung des Alltags.

6. Blumen sterben, und das ist der Punkt

Um Zuneigung auszudrücken, schneiden Erdlinge Pflanzen die Fortpflanzungsorgane ab, wickeln sie in Papier und überreichen sie einem anderen Erdling, der sich darüber freut, obwohl beide wissen, dass das Ganze in fünf Tagen im Biomüll landet. Kirk hat lange gebraucht, um zu begreifen, dass genau die Vergänglichkeit die Botschaft ist: „Ich habe etwas Wertvolles ausgegeben, das nicht bleibt, nur damit du für einen Moment lächelst.“ Es war der erste Moment, in dem er die Menschen nicht albern fand, sondern beinahe rührend.

7. Und dann trifft es ihn selbst

Ein Alien über Dating und Liebe zu befragen, funktioniert nur so lange gut, wie das Alien Beobachter bleibt. Xy bleibt es nicht. Irgendwann registriert sein Organismus Reaktionen, für die es in der varlorianischen Datenbank schlicht keinen Eintrag gibt: beschleunigter Herzschlag ohne körperliche Anstrengung, verminderte Konzentrationsfähigkeit, das dringende Bedürfnis, sich in der Nähe einer bestimmten Person aufzuhalten. Er diagnostiziert zunächst eine Fehlfunktion. Wie es ausgeht, wird hier nicht verraten – nur so viel: Es ist der Moment, in dem aus dem Missionsbericht ein Roman wird.

Was ein Alien über Dating und Liebe am Ende lernt

„Alien im Wunderland“ ist ein satirischer Science-Fiction-Roman von Thomas Tausend, der die menschliche Partnersuche aus der Perspektive eines Außerirdischen seziert. Der Trick des Romans: Kirk urteilt nicht. Er protokolliert. Und weil er keine Vorannahmen mitbringt, fällt ihm auf, was uns längst nicht mehr auffällt.

Die zentrale Erkenntnis seines Berichts lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Erdlinge haben ein System entwickelt, in dem beide Seiten so tun, als wäre ihnen das Ergebnis egal – obwohl es beiden das Wichtigste überhaupt ist. Kirk hält das für den größten kollektiven Selbstbetrug der Spezies. Und für den liebenswertesten.

Genau hier liegt der Unterschied zwischen Spott und Satire. Kirk lacht die Menschen nicht aus. Er versteht sie zunehmend besser als sie sich selbst – ein Prinzip, das den ganzen Roman trägt und das auch Kirks Blick auf die Gesellschaft, die Religion oder das Internet prägt.

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FAQ: Häufig gestellte Fragen

Was sagt ein Alien über Dating und Liebe bei den Menschen?
Kirk beschreibt die irdische Partnersuche als ein Ritual, bei dem beide Beteiligten absichtlich unklar kommunizieren, sich besser darstellen als sie sind und gleichzeitig behaupten, das Ergebnis sei ihnen nicht wichtig. Er hält es für das widersprüchlichste und zugleich menschlichste aller Verhaltensmuster.

Ist „Alien im Wunderland“ eine Liebesgeschichte?
Der Roman ist in erster Linie eine Gesellschaftssatire aus Alien-Perspektive. Gefühle spielen eine Rolle, aber sie sind Teil von Kirks Forschungsauftrag – und die eigentliche Pointe ist, dass er als Beobachter beginnt und nicht als Beobachter endet.

Wer ist Kirk?
Kirk heißt eigentlich Xyphor Venthax und stammt vom Planeten Varlor. Auf der Erde nennt er sich Kirk, weil er Captain Kirk aus Star Trek bewundert. Einen militärischen Rang trägt er nicht. Oma Gerda, bei der er unterkommt, denkt beim Namen Kirk übrigens an Kirk Douglas.

Muss man Science Fiction mögen, um den Roman zu verstehen?
Nein. Das Raumschiff ist nur der Anlass. Wer Satire über den deutschen Alltag mag, kommt ohne jedes Genre-Vorwissen aus. Warum das funktioniert, erklärt der Beitrag über Science-Fiction-Humor.

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