Ein Alien über Fernsehen und Werbung: Kirks Missionsbericht aus dem Wohnzimmer

Stell dir vor, ein Außerirdischer landet in einem Frankfurter Wohnzimmer, lässt sich auf dem Sofa nieder, drückt versehentlich eine Taste auf einem flachen schwarzen Kästchen – und plötzlich flackert ein leuchtendes Rechteck an der Wand zum Leben. Genau so beginnt für Xyphor Venthax, der sich auf der Erde "Kirk" nennt, die Begegnung mit dem seltsamsten Ritual der Menschheit. Dieser Artikel ist ein Alien über Fernsehen und Werbung: ein Missionsbericht darüber, was ein Wesen von einem anderen Stern denkt, wenn es zum ersten Mal auf Mattscheibe, Dauerwerbesendung und Shoppingkanal trifft.

Kirk ist der Protagonist aus dem satirischen Roman "Alien im Wunderland" von Thomas Tausend. Sein Pseudonym hat er sich zugelegt, weil er den Captain aus einer bestimmten Weltraumserie bewundert – nur Oma Gerda, bei der er unterkommt, denkt bei "Kirk" hartnäckig an Kirk Douglas. Was folgt, sind Kirks Kommentare zur irdischen Bildschirmkultur. Fest steht: Nach diesem Missionsbericht wirst du deine Fernbedienung nie wieder unschuldig ansehen.

Was ein Alien über Fernsehen und Werbung als Erstes lernt

Kirk-Meme: Ein Alien notiert vor dem Fernseher, dass Menschen Krieg lieben — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman "Alien im Wunderland"

Der erste Schock ereilt Xy nicht bei den Kochshows, sondern bei den Nachrichten. Da sitzt ein Wesen aus einer Zivilisation, die interstellare Reisen beherrscht, und muss zusehen, wie die dominante Spezies dieses Planeten Panzer, Explosionen und Trümmerfelder in Endlosschleife in ihre Wohnzimmer holt – freiwillig, zur besten Sendezeit, mit einer Tasse Tee daneben.

Kirk beobachtet, dass Menschen offenbar ein tiefes Bedürfnis haben, Katastrophen zu betrachten, an denen sie selbst nicht beteiligt sind. Sein nüchterner Missionsbericht: Die Erdlinge scheinen den Krieg zu lieben, denn vor jeder Verhandlung versuchen alle Beteiligten zunächst, möglichst viel Schaden anzurichten. Für einen Varlorianer, dessen Volk Konflikte auf ganz andere Weise klärt, ist das schlicht unbegreiflich. Wer mehr über Kirks Blick auf unsere Widersprüche lesen möchte, findet in wie ein Alien die Menschen beobachtet weitere Notizen.

Werbung: Die hohe Kunst, Bedürfnisse zu erfinden

Richtig fasziniert ist Xy aber von den kurzen, bunten Einschüben zwischen den Sendungen. Er hält sie zunächst für ein eigenständiges Kunstwerk – kleine, hyperaktive Filme, in denen unfassbar glückliche Menschen unfassbar banale Gegenstände in die Kamera halten. Erst nach Tagen begreift er: Diese Filme sollen ihn dazu bringen, Dinge zu wollen, von deren Existenz er zehn Sekunden zuvor nichts geahnt hat.

Kirks Erkenntnis über Werbung ist von entwaffnender Klarheit: Die Menschheit hat ein System perfektioniert, das künstliche Sehnsüchte in die Köpfe pflanzt und sie dann gegen Bezahlung wieder stillt. Ein Joghurt verspricht innere Ausgeglichenheit, ein Auto verspricht Freiheit, ein Duschgel verspricht Abenteuer. Xy notiert trocken, dass kein einziges dieser Produkte hält, was es verspricht – und dass die Menschen es trotzdem jeden Tag aufs Neue kaufen. Diese Beobachtung passt bruchlos zu Kirks Analyse von Geld und Kapitalismus, wo er dem irdischen Konsum noch tiefer auf den Grund geht.

Der Shoppingkanal – Fernsehen und Werbung werden eins

Kirk-Meme: Ein Alien steht ratlos vor einem überfüllten Müsliregal im Supermarkt — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman "Alien im Wunderland"

Als Kirk schließlich durch die Kanäle zappt und beim Shoppingsender hängen bleibt, verschmelzen für ihn die beiden Rätsel von Bildschirm und Werbung zu einem einzigen, perfekten Organismus. Hier gibt es keine Trennung mehr zwischen Programm und Reklame – hier ist die Werbung das Programm. Ein Mensch preist stundenlang mit glühender Begeisterung eine Bratpfanne an, als hänge das Schicksal der Galaxis daran.

Xy zieht die Parallele zum Supermarkt, den er kurz zuvor mit Oma Gerdas Einkaufszettel betreten hat. Sein Missionsbericht dazu: Einkaufen erfordert umfangreiche Fachkenntnisse. Vor einem drei Meter langen Regal, in dem sich vierzig fast identische Frühstücksflocken-Packungen stapeln, kapituliert selbst ein Wesen, das die Sternkarten von neun Galaxien im Kopf hat. Kirk versteht: Die Werbung im Fernsehen und die Warenwand im Laden sind zwei Enden derselben Maschine. Die eine erzeugt den Wunsch, die andere kassiert ihn ein.

Dokumentationen, die gar keine sind

Kirk-Meme: Ein Alien erkennt, dass vermeintliche Dokumentationen nur Unterhaltungssendungen sind — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman "Alien im Wunderland"

Ein besonderes Kapitel in Kirks Bildschirm-Studien sind die Sendungen, die vorgeben, ihn zu bilden. Als überzeugter Forscher stürzt sich Xy zunächst begeistert auf alles, was "Doku" heißt – bis er merkt, dass zwischen einer echten Dokumentation und einer dramatisch aufgeblasenen Unterhaltungssendung mit Gruselmusik und Cliffhanger vor jeder Werbepause kaum ein Unterschied besteht.

Kirks ernüchterte Notiz: Was die Erdlinge für "Dokumentationen" halten, sind in Wahrheit lediglich Unterhaltungssendungen. Fakten werden zu Spannungsbögen gebogen, Experten treten in dramatischer Beleuchtung auf, und alle zwölf Minuten wird das Gehirn des Zuschauers zart weichgeklopft, damit es für die nächste Werbeinsel empfänglich ist. Für Xy ist das ein durchtriebenes System – und irgendwie auch bewundernswert effizient. Wer Kirks Gespür für solche Absurditäten mag, sollte auch warum Menschen so komisch sind nachlesen.

Die Fernbedienung: das mächtigste Artefakt im Haushalt

Kein Gegenstand fasziniert Xy so sehr wie die Fernbedienung. In seinem Missionsbericht beschreibt er sie als kultisches Artefakt: ein handtellergroßes Objekt mit dutzenden Knöpfen, dessen Besitz in einem Haushalt offenbar über Rang und Würde entscheidet. Wer die Fernbedienung hält, bestimmt die Wirklichkeit, die alle anderen zu sehen bekommen – und wehe, sie verschwindet zwischen den Sofakissen.

Besonders amüsiert Kirk der Umstand, dass Menschen mit einem einzigen Daumendruck zwischen Krieg, Werbung, Kochshow und Dauerbeschallung hin- und herspringen können, ohne dass ihr Gesichtsausdruck sich merklich verändert. Für ihn ist das der endgültige Beweis: Die Erdlinge haben sich ein Universum aus flackernden Rechtecken erschaffen, in dem Information und Werbung, Ernst und Unfug längst untrennbar verwoben sind. Und die meisten von ihnen, so notiert er beinahe zärtlich, würden es um nichts in der Welt anders haben wollen.

Warum ein Alien über Fernsehen und Werbung nur staunen kann

Am Ende seiner Bildschirm-Expedition steht Xy vor einer paradoxen Erkenntnis. Das Fernsehen, so schreibt er in seinen Bericht an die Heimatwelt, ist gleichzeitig das genialste und das absurdeste Instrument, das die Menschheit hervorgebracht hat. Es kann informieren, verbinden und trösten – und es kann Millionen Menschen gleichzeitig dazu bringen, exakt dasselbe Duschgel zu begehren.

Was Kirk am meisten verblüfft, ist nicht die Technik. Es ist die Bereitwilligkeit, mit der die Menschen sich Abend für Abend vor das leuchtende Rechteck setzen und sich erzählen lassen, was sie fühlen, fürchten und kaufen sollen. Ein Alien über Fernsehen und Werbung nachdenken zu lassen, heißt letztlich, den Menschen einen sehr höflichen, sehr geduldigen Spiegel vorzuhalten. Genau das ist die Spezialität von seiner ehrlichen Gesellschaftsanalyse – und der rote Faden, der sich durch der Roman "Alien im Wunderland" zieht.

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Den Roman "Alien im Wunderland" von Thomas Tausend

Häufig gestellte Fragen zu "Alien über Fernsehen und Werbung"

Worum geht es in "Alien im Wunderland"?
"Alien im Wunderland" ist ein satirischer Roman von Thomas Tausend. Er erzählt von Xyphor Venthax, einem Außerirdischen, der auf der Erde landet, bei Oma Gerda in der Nähe von Frankfurt unterkommt und sich fortan "Kirk" nennt. Aus seiner Außenperspektive nimmt er menschliche Gewohnheiten – vom Fernsehen bis zur Werbung – gnadenlos komisch unter die Lupe.

Kommt das Thema Fernsehen und Werbung wörtlich im Roman vor?
Die Grundidee des Romans ist Kirks staunender Blick auf den menschlichen Alltag. Die hier gezeigten Missionsberichte sind Kirks pointierte Kommentare zur Erde. Sie geben den Ton und die Perspektive des Romans wieder, ohne dass jede einzelne Szene ein direktes Zitat aus dem Buch sein muss.

Heißt der Protagonist "Commander Kirk"?
Nein. Es gibt keinen militärischen Rang. Xyphor Venthax nennt sich schlicht "Kirk" – als augenzwinkerndes Pseudonym, weil er einen berühmten Raumschiff-Captain bewundert. Oma Gerda hingegen denkt bei diesem Namen standhaft an den Schauspieler Kirk Douglas.

Für wen ist der Roman geeignet?
Für alle, die klugen, gesellschaftskritischen Humor mögen und Freude daran haben, den eigenen Alltag einmal mit fremden Augen zu betrachten. Fans von intelligenter Science-Fiction-Satire kommen ebenso auf ihre Kosten wie Leserinnen und Leser, die einfach herzhaft lachen wollen.

Weitere Missionsberichte von Kirk

Xy hat die Erde noch an vielen weiteren Stellen seziert. Wer Blut geleckt hat, findet hier seine gesammelten Beobachtungen aus dem Universum von "Alien im Wunderland":

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