Deutsche Redewendungen wörtlich genommen: 9 Sätze, an denen ein Alien verzweifelt

Deutsche Redewendungen wörtlich genommen sind der schnellste Weg, einen Außerirdischen in den Wahnsinn zu treiben. Xyphor Venthax – von seinen Freunden Xy genannt, auf der Erde unterwegs unter dem Pseudonym "Kirk" – hat auf Varlor eine erstklassige Sprachausbildung genossen. Er beherrscht Grammatik, Wortschatz und Satzbau des Deutschen nahezu perfekt. Und trotzdem steht er regelmäßig hilflos in Oma Gerdas Küche und fragt sich, warum niemand den Groschen aufhebt, der gerade gefallen sein soll.

Das Problem ist nämlich nicht die Sprache. Das Problem ist, was die Menschen mit ihr anstellen.

Kirk-Meme: Kirk wartet zwei Stunden am zugefrorenen See auf eine Kuh — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman "Alien im Wunderland"

Warum deutsche Redewendungen wörtlich genommen so verwirrend sind

Eine Redewendung ist eine Aussage, deren Bedeutung sich nicht aus der Summe ihrer Wörter ergibt. Genau das macht sie für jeden, der eine Sprache von außen lernt, zur Falle. Wer "die Kuh vom Eis holen" hört und alle vier Substantive korrekt übersetzt, landet trotzdem bei einer Kuh auf einem zugefrorenen See – und nicht bei der Lösung eines Problems.

Die deutsche Sprache ist dabei besonders gnadenlos. Schätzungen gehen von mehreren zehntausend festen Wendungen aus, von denen ein durchschnittlicher Muttersprachler täglich Dutzende benutzt, ohne es zu merken. Kein Mensch sagt "ich muss dieses Problem lösen", wenn er auch "da müssen wir jetzt die Kuh vom Eis holen" sagen kann. Niemand fragt "hast du es verstanden?", wenn "ist der Groschen gefallen?" zur Verfügung steht.

Aus Kirks Perspektive sieht das Ganze nach einem groß angelegten Verschlüsselungssystem aus: eine Spezies, die Informationen absichtlich in Bilder verpackt, die nichts mit dem Gemeinten zu tun haben. Er hat das in seinen Missionsberichten sogar als mögliche Sicherheitsmaßnahme notiert. Die Erklärung, dass es einfach nur gewachsen ist und niemand mehr weiß, warum, hat er lange nicht akzeptiert.

9 deutsche Redewendungen wörtlich genommen – Kirks Problemliste

1. "Die Kuh vom Eis holen"

Kirks Klassiker. Als bei Oma Gerda am Telefon jemand ankündigte, man werde die Kuh schon vom Eis holen, packte Xy ein Seil ein und fuhr zum nächsten zugefrorenen Gewässer. Zwei Stunden. Kein Rind weit und breit. Sein Fazit im Missionsbericht: entweder war die Kuh schneller, oder die Erdlinge lügen strukturiert.

2. "Der Groschen fällt"

Wenn ein Mensch endlich etwas versteht, fällt bei ihm angeblich ein Groschen. Kirk hat unter mehreren Tischen nachgesehen. Er hat sogar Oma Gerdas Küchenboden abgeleuchtet. Gefunden hat er einen Kronkorken, zwei Haarklammern und die Erkenntnis, dass die Währung, um die es geht, seit über zwanzig Jahren nicht mehr existiert. Eine Redewendung, die auf eine abgeschaffte Münze verweist, ist selbst für irdische Verhältnisse ambitioniert.

Kirk-Meme: Kirk sucht mit einer Taschenlampe unter Oma Gerdas Küchentisch nach dem gefallenen Groschen — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman "Alien im Wunderland"

3. "Die Karten auf den Tisch legen"

Eine Aufforderung zur Ehrlichkeit, verkleidet als Anweisung zum Kartenspiel. Kirk hat beim ersten Mal korrekt gehandelt: Er legte sämtliche Karten, die er finden konnte, auf den Tisch. Kundenkarten, Versicherungskarten, eine Postkarte vom Edersee. Die Anwesenden waren, wie er notierte, "irritiert, aber nicht unzufrieden".

4. "Auf Granit beißen"

Diese Wendung hat Kirk aus rein physiologischen Gründen beunruhigt. Warum sollte jemand freiwillig in Gestein beißen? Und warum gilt es als Ausdruck des Scheiterns und nicht als Ausdruck eines dringenden zahnärztlichen Notfalls? Seine Hochrechnung der zu erwartenden Schäden am menschlichen Gebiss füllt in seinen Aufzeichnungen eine ganze Seite.

5. "Die Kirche im Dorf lassen"

Kirk fand diese Aufforderung zunächst völlig überflüssig, weil niemand vorgehabt hatte, ein Sakralgebäude zu bewegen. Erst später dachte er darüber nach, dass eine Spezies, die den Transport einer Kirche explizit untersagen muss, ihn in der Vergangenheit offenbar mindestens einmal versucht hat. Mehr zu seinem gespannten Verhältnis zu irdischen Gotteshäusern gibt es im Artikel über Religion und Kirche aus Alien-Sicht.

6. "Tomaten auf den Augen haben"

Hier hat Kirk immerhin einen Zusammenhang erkannt: Gemüse auf den Sehorganen würde die Wahrnehmung tatsächlich beeinträchtigen. Seine Nachfrage, ob die Erdlinge das früher praktiziert hätten und ob es dabei auf die Sorte ankomme, wurde nie zufriedenstellend beantwortet. Sein Verhältnis zu irdischen Lebensmitteln ist ohnehin kompliziert – nachzulesen in Deutsches Essen aus Alien-Sicht.

7. "Da steppt der Bär"

Kirk erschien punkt 21 Uhr auf einer Feier, zu der es hieß, dort würde der Bär steppen. Er blieb bis drei. Kein Bär. Stattdessen: Menschen, die sich im Takt bewegten und dabei behaupteten, es sei grandios. Seine Beobachtungen zur irdischen Feierkultur finden sich auch in Kirks Bericht über Musik und Konzerte.

8. "Jemandem einen Bären aufbinden"

Zwei Bären-Redewendungen mit völlig unterschiedlicher Bedeutung, keine davon mit einem echten Bären. Kirk hat daraufhin die Hypothese aufgestellt, dass es sich bei "Bär" um eine Art sprachlichen Platzhalter handeln muss, vergleichbar mit einer Variablen. Diese Hypothese ist falsch, aber sie ist die beste, die je ein Außerirdischer zu diesem Thema aufgestellt hat.

9. "Ins Gras beißen"

Die Erdlinge haben für das Ende ihrer biologischen Existenz Dutzende Umschreibungen erfunden, aber nur wenige benutzen das eigentliche Wort. Kirk hielt "ins Gras beißen" zuerst für eine Ernährungsform. Dass eine Spezies ausgerechnet beim wichtigsten aller Themen in Bilder flüchtet, hat er als eine der aufschlussreichsten Beobachtungen seiner gesamten Mission notiert.

Kirk-Meme: Missionsbericht 297: Die irdische Sprache ist voller Missverständnisse — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman "Alien im Wunderland"

Was deutsche Redewendungen wörtlich genommen über uns verraten

Kirks Frust hat einen produktiven Nebeneffekt: Wer Redewendungen ernst nimmt, sieht plötzlich, woraus sie gemacht sind. Und das ist eine erstaunlich ehrliche Bestandsaufnahme dessen, was einer Kultur wichtig war.

Die deutschen Redewendungen kommen auffallend häufig aus vier Bereichen: Landwirtschaft (Kuh, Gras, Ernte), Handwerk (Granit, Hammer, Amboss), Religion (Kirche, Kreuz, Engelsgeduld) und Geld (Groschen, Heller, Pfennig). Das ist keine Sprachmarotte, das ist ein Gesellschaftsprotokoll. Eine Kultur baut ihre Bilder aus dem, womit sie täglich zu tun hat – und die deutschen Bilder stammen größtenteils aus einer Welt, die es so seit hundert Jahren nicht mehr gibt.

Genau darin liegt die Pointe, die Kirk irgendwann selbst erkennt: Die Menschen sprechen in Metaphern einer Vergangenheit, die sie längst abgeschafft haben. Sie holen Kühe von einem Eis, auf dem nie eine stand, und lassen Groschen fallen, die es nicht mehr gibt. Wer so redet, trägt seine eigene Geschichte im Mund herum, ohne es zu bemerken.

Dieses Prinzip – ein Außenstehender sieht das Selbstverständliche zum ersten Mal – ist der Motor des gesamten Romans. Es funktioniert bei deutschen Eigenarten genauso wie bei alltäglichen Gewohnheiten oder bei hessischem Dialekt, an dem Kirk in Frankfurt zusätzlich scheitert.

Fazit: Deutsche Redewendungen wörtlich genommen sind die beste Gesellschaftsanalyse

Wer deutsche Redewendungen wörtlich genommen durchdenkt, bekommt zwei Dinge gratis: eine Menge unfreiwilliger Komik und einen ziemlich präzisen Blick darauf, wie diese Gesellschaft tickt. Kirk hat beides. Er wollte nur eigentlich nur wissen, wo die Kuh ist.

Der Roman "Alien im Wunderland" von Thomas Tausend macht aus diesem Sprachproblem ein Erzählprinzip: Ein Außerirdischer strandet bei einer Rentnerin im Rhein-Main-Gebiet, nimmt alles beim Wort – und entlarvt dabei genau die Automatismen, die wir selbst nicht mehr sehen. Oma Gerda hält seinen Decknamen übrigens für eine Höflichkeit gegenüber Kirk Douglas. Auch das hat er nie ganz aufklären können.

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Häufig gestellte Fragen zu deutschen Redewendungen wörtlich genommen

Was bedeutet "die Kuh vom Eis holen" wirklich?

Die Redewendung bedeutet, eine schwierige oder festgefahrene Situation zu lösen. Sie stammt vermutlich aus der Landwirtschaft: Eine Kuh, die auf eine zugefrorene Wasserfläche geraten ist, schwebt in akuter Gefahr und muss vorsichtig, aber schnell gerettet werden. Mit tatsächlichen Rindern hat die moderne Verwendung nichts mehr zu tun – was Kirk erst nach zwei Stunden am See klar wurde.

Warum fällt beim Verstehen ein "Groschen"?

Das Bild stammt von Münzautomaten: Erst wenn die Münze durchfällt, setzt sich der Mechanismus in Gang. Der Groschen als Währungseinheit wurde in Deutschland längst abgelöst, die Redewendung hat ihn überlebt. Deutsche Redewendungen wörtlich genommen sind häufig sprachliche Fossilien – sie bewahren Gegenstände auf, die aus dem Alltag verschwunden sind.

Worum geht es in "Alien im Wunderland"?

"Alien im Wunderland" ist ein humorvoller Science-Fiction-Roman von Thomas Tausend. Der Außerirdische Xyphor Venthax landet auf der Erde, nennt sich dort "Kirk" und quartiert sich bei der Rentnerin Oma Gerda im Rhein-Main-Gebiet ein. Von dort aus untersucht er die Menschheit – und versteht dabei fast alles falsch, aber auf die richtige Weise. Ein Rang gehört übrigens nicht dazu: Es gibt keinen "Commander" Kirk, der Name ist eine Verbeugung vor einer Fernsehfigur. Details dazu im Artikel warum sich das Alien Kirk nennt.

Für wen ist der Roman geeignet?

Für alle, die Satire mit Herz mögen, gern über Sprache nachdenken und kurze, episodische Kapitel schätzen. Wer "Per Anhalter durch die Galaxis" mochte, findet hier einen deutschen Verwandten – mit Frankfurter Lokalkolorit statt britischer Raumfahrtbürokratie.

Weiterlesen: Kirks komplettes Archiv über die Menschheit

Redewendungen sind nur ein Kapitel in Kirks langer Liste irdischer Rätsel. Hier findest du alle bisherigen Missionsberichte und Artikel:

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