Ein Alien über den Weihnachtsmarkt: Kirks Missionsbericht aus dem Lichterketten-Labyrinth

Ein Alien über den Weihnachtsmarkt – das klingt nach einer harmlosen Anekdote. Tatsächlich ist es der wohl härteste Belastungstest, den die menschliche Zivilisation einem außerirdischen Beobachter zumuten kann. Xyphor Venthax, von seinen irdischen Bekannten schlicht Xy und von sich selbst am liebsten „Kirk“ genannt, hat auf der Erde schon einiges ausgehalten: Behördengänge, Fußballspiele, Steuerformulare. Aber nichts davon hat ihn so gründlich aus der Bahn geworfen wie ein deutscher Weihnachtsmarkt an einem nasskalten Novemberabend.

Dieser Missionsbericht sammelt seine Beobachtungen. Wer den Roman „Alien im Wunderland“ von Thomas Tausend kennt, weiß: Kirk analysiert nicht, um sich lustig zu machen. Er analysiert, weil er es wirklich nicht versteht. Genau das macht seine Berichte so unangenehm treffend.

Warum ein Alien über den Weihnachtsmarkt zuerst stolpert

Kirks Ausgangslage: Er lebt bei Oma Gerda in Frankfurt, tarnt sich als Mensch und versucht, die hiesige Spezies zu katalogisieren. Sein Pseudonym hat er sich in Anlehnung an einen Raumschiffkommandanten aus dem irdischen Unterhaltungsarchiv zugelegt – Oma Gerda dagegen denkt bei „Kirk“ grundsätzlich an Kirk Douglas und findet, er habe leider nicht dessen Kinn.

Der Weihnachtsmarkt bricht nun mit sämtlichen Regeln, die Kirk sich mühsam erarbeitet hatte. Menschen, so sein bisheriger Befund, meiden Kälte, hassen Warteschlangen und beklagen sich über hohe Preise. Auf dem Weihnachtsmarkt stellen sie sich freiwillig bei drei Grad in eine Schlange, um überteuerte Getränke im Stehen zu trinken. Und sie nennen das: die schönste Zeit des Jahres.

Kirks sieben Beobachtungen vom Weihnachtsmarkt

Was folgt, ist Kirks Protokoll in der Reihenfolge, in der ihm die Dinge auffielen. Er notiert grundsätzlich zuerst das Verhalten, dann seine Vermutung über den Zweck, dann seine Kapitulation. Punkt drei tritt häufiger ein, als ihm lieb ist.

Kirk-Meme: Menschen nehmen regelmaessig das Nervengift Alkohol zu sich — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

1. Der Glühwein: erhitzter Fruchtsaft mit eingebautem Nervengift

Kirks erster Befund betrifft das zentrale Kultgetränk. Die Erdlinge nehmen einen gegärten Pflanzensaft, erhitzen ihn – wodurch ein Teil des Wirkstoffs entweicht, den sie eigentlich haben wollen – und werfen Gewürzrinde hinein. Anschließend trinken sie das Ergebnis so heiß, dass sie sich zuverlässig die Zunge verbrennen. Kirks Missionsbericht über den menschlichen Umgang mit Alkohol ist an dieser Stelle bemerkenswert nüchtern: Diese Spezies konsumiert planmäßig ein Nervengift und versteckt es in immer neuen Geschmacksrichtungen. Mehr dazu in Kirks kulinarischem Missionsbericht über Bier und Essen.

2. Die Bude: ein Marktstand, auf dem niemand etwas Notwendiges kauft

Kirk-Meme: Vegetarier sind Erdlinge, die ihre Wurst beim Gaertner kaufen — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Ein Markt dient, so hatte Kirk gelernt, dem Austausch von Überlebensgütern. Der Weihnachtsmarkt widerlegt das gründlich. Hier werden Holzsterne verkauft, Kerzenhalter aus Rentiergeweih-Imitat und Schafwollsocken in Größe 48. Niemand braucht das. Alle kaufen es. Kirk hat das Prinzip inzwischen verstanden: Der Gegenstand ist nicht der Zweck, sondern die Quittung für einen schönen Abend. Wie tief die Erdlinge in dieser Logik stecken, zeigt auch sein Bericht über Geld und Kapitalismus.

3. Die Brezel: Nahrung mit Konstruktionsfehler

Kirk-Meme: Irdische Nahrung ist manchmal kompliziert - Kirk und der Brezelknoten — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Kirks Verhältnis zu geknoteten Backwaren ist gespannt. Eine Nahrungseinheit, die in sich selbst verschlungen ist, hat aus seiner Sicht einen klaren Konstruktionsfehler: Man muss sie erst lösen, bevor man sie verzehren kann. Dass Erdlinge das nicht als Problem, sondern als Tradition betrachten, gehört zu den Punkten, an denen er regelmäßig aufgibt. Weitere kulinarische Rätsel sammelt er in seinem Missionsbericht über Kochen und Rezepte und in der Analyse zu deutschem Essen aus Alien-Sicht.

4. Die Lichterketten: Miniatursonnen gegen die Dunkelheit

Im November wird es in Mitteleuropa früh dunkel. Statt sich damit abzufinden, hängen die Menschen tausende winzige Lichtquellen in Bäume, an Buden und über Straßen. Kirks Interpretation: ein kollektiver, technisch aufwendiger Protest gegen die Achsneigung des eigenen Planeten. Er findet das rührend. Er findet es auch völlig sinnlos. Beides gleichzeitig, was für seine Beobachtungen typisch ist – siehe auch seine Perspektive auf den Klimawandel.

Besonders irritiert ihn, dass die Lichter blinken. Ein konstantes Licht wäre heller, sparsamer und für die Netzhaut angenehmer. Die Erdlinge entscheiden sich trotzdem regelmäßig für das Blinken – offenbar, weil ein Licht, das einfach nur leuchtet, als zu wenig festlich gilt. Kirk hat diesen Punkt in seinem Notizbuch mit drei Ausrufezeichen versehen und darunter geschrieben: „Nachfragen. Aber nicht bei Gerda, die mag das Blinken.“

5. Der Pfandbecher: das Rückgabe-Ritual

Man zahlt Geld, das man nicht für das Getränk zahlt, sondern für das Gefäß. Dieses Geld bekommt man zurück, wenn man das Gefäß zurückbringt – außer man behält es, dann war es ein Souvenir, das man nicht kaufen wollte. Kirk hat das Pfandsystem bereits in seinem Bericht über Recycling und Mülltrennung untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass Deutschland die Buchhaltung zur Freizeitbeschäftigung erhoben hat.

6. Frieren als Freizeitgestaltung

Der Punkt, an dem Kirk am längsten geknobelt hat. Die Erdlinge verfügen über beheizte Wohnräume, bequeme Sitzgelegenheiten und die technische Möglichkeit, heiße Getränke zu Hause herzustellen. Trotzdem stellen sie sich in die Kälte, treten von einem Fuß auf den anderen und behaupten anschließend, es sei gemütlich gewesen. Kirks vorläufige These: Gemütlichkeit entsteht bei dieser Spezies nicht durch Komfort, sondern durch gemeinsam ertragene Unannehmlichkeit. Eine These, die er auch in seinem Missionsbericht über Urlaub und Tourismus bestätigt sieht.

7. Die Bratwurst-Warteschlange

Vierzig Minuten anstehen für ein Nahrungsstück, das in vier Minuten gegessen ist. Kirk hat das Verhältnis mehrfach nachgerechnet und ist sicher, sich verrechnet zu haben. Hat er nicht. Ergänzend empfiehlt sich seine Feldstudie aus dem Supermarkt, wo dieselben Menschen die Kassenschlange als persönliche Beleidigung empfinden.

Was ein Alien über den Weihnachtsmarkt am Ende wirklich lernt

Kirks Berichte kippen an einer bestimmten Stelle regelmäßig. Erst zählt er Widersprüche auf, dann merkt er, dass die Widersprüche der eigentliche Punkt sind. Der Weihnachtsmarkt ist logisch nicht zu rechtfertigen: zu teuer, zu kalt, zu voll, zu laut. Und trotzdem funktioniert er, weil Menschen offenbar Orte brauchen, an denen sie unvernünftig sein dürfen, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen.

Genau da wird ein Alien über den Weihnachtsmarkt zum besseren Beobachter als jeder Einheimische. Wer jedes Jahr hingeht, sieht die Absurdität nicht mehr. Xy sieht sie sofort – und danach sieht er, warum sie trotzdem schön ist. Diese doppelte Bewegung ist das Grundprinzip des Romans „Alien im Wunderland“: erst der fremde Blick, dann die unerwartete Zuneigung. Ausführlicher nachzulesen in Kirks Grundlagenanalyse über das Beobachten von Menschen und in seiner Betrachtung der Erde aus Alien-Perspektive.

Fazit: Ein Alien über den Weihnachtsmarkt sagt mehr über uns als über ihn

Ein Alien über den Weihnachtsmarkt ist keine Satire auf Glühwein und Holzsterne. Es ist eine Bestandsaufnahme unserer eigenen, liebevoll gepflegten Unvernunft. Kirk verlässt den Markt jedes Mal mit klammen Fingern, klebrigen Händen und einem Notizbuch voller Fragezeichen – und geht im nächsten Jahr wieder hin. Auch das hat er von den Menschen gelernt.

„Alien im Wunderland“ ist ein humorvoller Science-Fiction-Roman von Thomas Tausend, in dem ein außerirdischer Beobachter das Leben auf der Erde protokolliert – getarnt als Mensch, untergebracht bei einer resoluten Frankfurter Rentnerin und permanent überfordert von allem, was wir für selbstverständlich halten.

Du willst Kirk und Oma Gerda selbst erleben?

Jetzt auf Amazon bestellen

Den Roman „Alien im Wunderland“ von Thomas Tausend

Häufig gestellte Fragen

Kommt der Weihnachtsmarkt im Roman „Alien im Wunderland“ vor?
Dieser Artikel ist ein eigenständiger Missionsbericht in Kirks Stimme, kein Auszug aus dem Roman. Der Roman selbst spielt in Frankfurt und Umgebung und schickt Kirk durch zahlreiche Alltagssituationen – welche genau, sollte man selbst entdecken.

Wer ist Kirk in „Alien im Wunderland“?
Kirk heißt eigentlich Xyphor Venthax, kurz Xy. „Kirk“ ist ein selbstgewähltes Pseudonym, weil er einen bestimmten Raumschiffkommandanten aus dem irdischen Fernsehen bewundert. Einen militärischen Rang hat er nicht – er ist Beobachter, kein Commander.

Für wen ist der Roman geeignet?
Für Leserinnen und Leser, die klugen Humor mit Gesellschaftsbeobachtung mögen – etwa Fans von satirischer Science-Fiction, die den fremden Blick auf den eigenen Alltag schätzen. Vorkenntnisse sind nicht nötig.

Wo bekomme ich „Alien im Wunderland“?
Der Roman ist bei Amazon erhältlich, als Taschenbuch und als E-Book. Der Kaufhinweis oben führt direkt dorthin.

Weitere Missionsberichte von Kirk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert