Jedes Jahr im Frühjahr und im Herbst passiert in deutschen Städten etwas, das sich mit keiner Logik des Universums erklären lässt: Ein leeres Feld wird über Nacht zu einer blinkenden, dröhnenden, nach gebrannten Mandeln riechenden Parallelwelt – und alle finden das völlig normal. Die Kirmes aus Alien-Sicht ist deshalb eines der aufschlussreichsten Kapitel in der Feldforschung von Xyphor Venthax, der sich auf der Erde schlicht „Kirk“ nennt. Was er auf der Frankfurter Dippemess protokolliert, sagt mehr über uns aus, als uns lieb sein kann.
Der Roman „Alien im Wunderland“ von Thomas Tausend erzählt genau diese Art von Zusammenstoß: ein Außerirdischer vom Planeten Varlor, gestrandet in Nordhessen, aufgelesen von einer Rentnerin namens Gerda – und seitdem damit beschäftigt, die Menschheit zu verstehen. Was ihm dabei nicht gelingt, ist der komische Teil.
Kirmes aus Alien-Sicht: ein Fest ohne erkennbaren Zweck
Auf Varlor gibt es keine Kirmes. Es gibt Effizienz. Es gibt Materiesynthesizer, es gibt Roboter, und es gibt seit über zweihundert Orban kein Geld mehr. Ein Ort, an dem Wesen freiwillig bezahlen, um sich im Kreis drehen zu lassen, bis ihnen schlecht wird, ist in Xys Ausbildung schlicht nicht vorgekommen – und Professor Zelpans Vorlesungen über die Heimatwelt Varlor hatten für so etwas keine Kategorie.
Kirks erste Bestandsaufnahme auf dem Festplatz fällt entsprechend aus. Er zählt: rotierende Konstruktionen mit Sitzplätzen, stationäre Verkaufseinheiten mit Nahrung, akustische Dauerbeschallung in mindestens vier konkurrierenden Frequenzen, künstliche Beleuchtung in einer Dichte, die vom Orbit aus vermutlich als Notsignal gelesen wird. Sein Schluss: Das hier muss ein Umschlagplatz sein. Ein Markt. Die Fahrgeschäfte hält er zunächst für fahrbare Verkaufsstände – mobile Händler, die ihre Ware zu den Kunden rotieren, weil das Gelände zu voll ist, um sie zu Fuß zu erreichen.
Es ist eine wunderbar vernünftige Erklärung. Sie hat nur den kleinen Nachteil, dass sie falsch ist. Aber wer einmal nüchtern vor einem Kettenkarussell gestanden hat, muss zugeben: Kirks Version ergibt mehr Sinn als unsere.

Der Autoscooter: die Verkehrsübung, die alles erklärt
Die zweite große Fehldeutung ist die beste. Kirk beobachtet den Autoscooter – abgegrenzte Fläche, kleine Fahrzeuge, Lenkräder, Strom von oben – und kommt zu dem einzig logischen Schluss: Das ist eine Fahrschule. Eine kommunale Verkehrsübung. Hier lernen die Erdlinge das Führen von Fortbewegungsmitteln, bevor man sie auf die echten Straßen lässt.
Dann sieht er, wie geübt wird. Kirks Missionsbericht dazu ist knapp: Auf dem Volksfest üben die Erdlinge das Fahren, indem sie absichtlich zusammenstoßen. Und plötzlich, notiert er, erklärt das so einiges.
Wer Kirks Missionsbericht vom Steuer kennt, weiß, dass er dem deutschen Straßenverkehr ohnehin skeptisch gegenübersteht. Die Theorie, dass die halbe Nation ihre Fahrpraxis auf einer 15 mal 20 Meter großen Blechplatte mit Discobeleuchtung erworben hat, ist für ihn keine Beleidigung. Sie ist Feldforschung. Und sie erklärt aus seiner Sicht vieles, was auf der A5 passiert.
Die Trinkarena: Flüssigkeitsversorgung im Großformat

Das Festzelt ordnet Kirk wesentlich wohlwollender ein. Er sieht: lange Tische, koordinierte Sitzordnung, ein zentrales Ausgabesystem, Personal in spezieller Dienstkleidung, und in regelmäßigen Abständen das gleichzeitige Anheben schwerer Glasbehälter durch alle Anwesenden. Seine Deutung: eine mobile Trinkarena, errichtet, um die Flüssigkeitszufuhr der empfindlichen Menschenkörper sicherzustellen.
Das ist, nebenbei bemerkt, die freundlichste Beschreibung des deutschen Bierzelts, die je verfasst wurde. Kirk hält es für ein öffentliches Gesundheitsprogramm. Dass die Flüssigkeit die Koordination der Teilnehmer messbar verschlechtert, bringt ihn allerdings ins Grübeln – ein Widerspruch, den er auch in seinem Missionsbericht vom Oktoberfest nicht auflösen konnte. Das rhythmische Schunkeln deutet er übrigens als Synchronisationsritual zur Gruppenbindung. Womit er, wenn man ehrlich ist, richtig liegt.
Die Nahrungszone: warum immer noch etwas reinpasst

Xy stammt von einem Planeten, auf dem Nahrung aus Silizium-Granulat besteht. Geschmack ist dort kein Konzept, sondern ein Betriebsunfall. Entsprechend überfordert ist er von einer Kirmes-Nahrungszone, in der gebrannte Mandeln, Crêpes, Bratwurst, Zuckerwatte, Lebkuchenherzen und Softeis auf zwanzig Metern nebeneinander existieren – und die Erdlinge das alles hintereinander essen. Nicht etwa statt einander. Hintereinander.
Kirks Beobachtung dazu ist eine der tröstlichsten seiner ganzen Mission: „Satt“ bedeutet bei Menschen offenbar nicht, dass keine Eiscreme mehr reinpasst. Er hat dafür keinen Fachbegriff, aber wir schon – wir nennen es Dessertmagen und tun so, als sei das Biologie. Wer sich für Kirks weitere kulinarische Verwirrung interessiert: Er hat sich auch ausführlich mit deutschem Essen und mit dem Popcorn im Kino beschäftigt. Letzteres hielt er für Verpackungsmaterial.
Losbude und Schießstand: die Ökonomie des Verlierens
Am schwersten tut sich Kirk mit den Gewinnspielen. Ein Erdling zahlt Geld. Er wirft, schießt oder angelt. Er bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts, mit mittlerer Wahrscheinlichkeit einen Gegenstand von geringerem Wert als der Einsatz, und mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit ein übergroßes Plüschtier, das er den Rest des Abends durch die Menge tragen muss wie eine Trophäe, die ihn bestraft.
Für ein Wesen von einem Planeten ohne Geld ist das nicht nur unverständlich, sondern beunruhigend. Kirk vermutet zunächst eine Abgabe – eine Art freiwillige Steuer, die man durch Geschicklichkeit reduzieren kann. Erst später dämmert ihm, dass der Gegenstand gar nicht der Punkt ist. Der Punkt ist, jemandem zeigen zu können, dass man ihn gewonnen hat. Es ist dieselbe Logik, die er schon beim ewigen Habenwollen der Konsumgesellschaft nicht knacken konnte.
Warum die Kirmes aus Alien-Sicht ehrlicher ist als der Rest
Und dann passiert etwas, das Kirks Missionsberichte von reiner Spott-Literatur unterscheidet. Er stellt nämlich fest, dass die Menschen auf der Kirmes nicht so tun, als wären sie vernünftig. Sie behaupten nicht, das Riesenrad habe einen Zweck. Sie rechtfertigen die Zuckerwatte nicht mit Nährwerten. Sie geben offen zu, dass sie hier sind, um Krach, Licht, Fliehkraft und Fett zu konsumieren, bis ihnen leicht schlecht ist.
Genau das findet Kirk bemerkenswert. In den meisten irdischen Ritualen verstecken die Menschen ihre Motive hinter Traditionen, Terminen und Tischordnungen. Auf dem Festplatz fällt diese Tarnung weg. Die Kirmes aus Alien-Sicht ist deshalb kein Beispiel für menschliche Unlogik – sie ist das seltene Gegenteil: ein Ort, an dem die Unlogik zugegeben wird. Oma Gerda hätte das mit einem Satz erledigt. Sie erledigt die meisten Dinge mit einem Satz.
Der Roman hinter dem Missionsbericht
„Alien im Wunderland“ ist ein satirischer Science-Fiction-Roman von Thomas Tausend. Erzählt wird er aus der Perspektive von Xyphor Venthax, einem geschlechtslosen Außerirdischen vom Planeten Varlor, der auf der Erde in menschlicher Gestalt unterwegs ist und sich den Decknamen „Kirk“ gibt – aus Bewunderung für einen gewissen Raumschiffkapitän aus dem irdischen Fernsehen. Dass Oma Gerda bei dem Namen hartnäckig an Kirk Douglas denkt, hat er inzwischen aufgegeben zu korrigieren. Warum er sich ausgerechnet so nennt, ist eine eigene Geschichte.
Erzählt wird durchgehend und zusammenhängend – Kirks Weg führt vom Edersee über Nordhessen bis nach Frankfurt. Wer „Per Anhalter durch die Galaxis“ mag, findet hier einen deutschen Verwandten – mit Dippemess statt Vogonen.
Du willst Kirk und Oma Gerda selbst erleben?
Den Roman „Alien im Wunderland“ von Thomas Tausend
Häufig gestellte Fragen zur Kirmes aus Alien-Sicht
Was ist „Alien im Wunderland“?
„Alien im Wunderland“ ist ein humorvoller Science-Fiction-Roman von Thomas Tausend. Er erzählt aus der Ich-Perspektive des Außerirdischen Xyphor Venthax („Kirk“), der auf der Erde strandet, von der Rentnerin Gerda aufgenommen wird und den menschlichen Alltag in Missionsberichten an seine Heimatwelt protokolliert.
Warum hält Kirk den Autoscooter für eine Verkehrsübung?
Weil alle sichtbaren Merkmale dafür sprechen: abgegrenzte Fläche, Fahrzeuge mit Lenkrad, Aufsichtspersonal, wiederholtes Üben. Dass die Teilnehmer absichtlich kollidieren, deutet Kirk als Trainingsziel – nicht als Spaß. Aus seiner Sicht erklärt das den deutschen Straßenverkehr ausgesprochen gut.
Kommt die Kirmes im Roman vor?
Ja. Ein Ausflug auf die Frankfurter Dippemess gehört zu den Szenen des Romans. Die einzelnen Missionsberichte, die Kirk zu Fahrgeschäften, Festzelten und Nahrungsständen verfasst, sind dabei seine laufenden Kommentare zur Erde – nicht alle davon stehen im ersten Band.
Ist der Roman spoilerfrei lesbar, wenn man diesen Artikel kennt?
Ja. Dieser Artikel verrät nur die Grundprämisse und ein paar Beobachtungen – keine Wendungen, keine Auflösungen, keine Ausgänge. Die eigentlichen Überraschungen bleiben, wo sie hingehören.
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