Warum passen Schuhgrößen nicht? Kirks Missionsbericht über ein Maß, das keines ist

Es gibt Fragen, an denen die Menschheit seit Jahrhunderten scheitert, ohne es zu merken. Warum passen Schuhgrößen nicht? ist so eine Frage. Ein Gerät im Schuhgeschäft misst den Fuß auf den Millimeter genau, spuckt eine Zahl aus – sagen wir 46 – und trotzdem beginnt danach ein Ritual, das mit Messtechnik nichts mehr zu tun hat: Man probiert an. Und an. Und an.

Xyphor Venthax, auf der Erde besser bekannt unter seinem Pseudonym „Kirk“, hat dieses Ritual mit der Fassungslosigkeit eines Wesens beobachtet, das von einem Planeten kommt, auf dem Maßeinheiten Maßeinheiten sind. Sein Missionsbericht an die Heimatwelt Varlor fiel entsprechend knapp aus. Der Roman „Alien im Wunderland“ von Thomas Tausend lebt genau von solchen Momenten – von Alltagsdingen, die wir für normal halten, bis jemand von außen draufschaut.

Kirk-Meme: Ein Alien sitzt zwischen vierzehn Paar Schuhen im Schuhgeschäft, obwohl das Messgerät exakt Größe 46 anzeigt — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Warum passen Schuhgrößen nicht? Die kurze Antwort

Schuhgrößen passen nicht, weil die Zahl im Schuh nicht die Länge des Fußes angibt, sondern die Länge des Leistens – also der Form, über die der Schuh gebaut wurde. Wie viel Zugabe ein Hersteller vor den Zehen einplant, wie breit er den Leisten schneidet und wie hoch er den Spann formt, entscheidet jede Marke selbst. Es gibt dafür keine verbindliche Norm. Die Größe 46 ist deshalb keine Messangabe, sondern eine Absichtserklärung.

Dazu kommt: Weltweit konkurrieren mindestens vier Nummerierungssysteme, die auf völlig unterschiedlichen Grundeinheiten beruhen. Und keines davon misst den Fuß.

Der Ursprung: Ein Maß aus Gerstenkörnern und Schneiderstichen

Die europäische Schuhgröße basiert auf dem Pariser Stich. Ein Pariser Stich entspricht zwei Dritteln eines Zentimeters, also rund 6,67 Millimetern – ursprünglich der Abstand zwischen zwei Stichen einer Schusternaht. Größe 42 bedeutet also: 42 mal 6,67 Millimeter Leistenlänge, das sind etwa 28 Zentimeter. Der Fuß, der da hineinpasst, ist typischerweise 26 bis 27 Zentimeter lang. Die Differenz ist die Zugabe.

Das britische System geht einen anderen Weg. Es rechnet in Gerstenkörnern (barleycorn), einem mittelalterlichen Längenmaß von einem Drittel Zoll, also 8,47 Millimetern. Die US-Größen wiederum sind vom britischen System abgeleitet, aber verschoben – und zwar unterschiedlich stark für Damen und Herren.

Es existiert sogar ein System, das den Fuß tatsächlich in Millimetern angibt: Mondopoint, genormt in der ISO 9407. Es misst Fußlänge und Fußbreite und ist damit das einzige logische System. Es wird beim Militär und bei Skischuhen verwendet. Im Schuhgeschäft trifft man es praktisch nie.

Kirk hat für diesen Zustand eine Formulierung gefunden, die auf Varlor für Heiterkeit gesorgt haben dürfte: Eine Zivilisation, die eine Sonde zum Rand ihres Sonnensystems schickt, hat es in dreitausend Jahren nicht geschafft, sich auf die Länge eines Fußes zu einigen. Ähnlich ratlos steht er übrigens vor anderen Erfindungen der Erdlinge – nachzulesen in seinem Missionsbericht über die deutsche Bürokratie.

Kirk-Meme: Ein Alien in der Bekleidungsabteilung wird zur Umkleidekabine geschickt — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Warum passen Schuhgrößen nicht einmal innerhalb einer Marke?

Hier wird es für ein außerirdisches Gehirn endgültig unübersichtlich. Selbst wenn man sich auf einen Hersteller festlegt, bleibt die Größe unzuverlässig. Die Gründe sind bekannt – und werden trotzdem nirgends draufgedruckt:

  1. Verschiedene Leisten pro Modell. Ein Laufschuh, ein Halbschuh und ein Stiefel derselben Marke werden über völlig unterschiedliche Formen gebaut. Die aufgedruckte Zahl bleibt gleich, die Passform nicht.
  2. Die Weite wird verschwiegen. Fußbreite variiert stark, Schuhbreite auch. Wer keine Weitenangabe findet, bekommt die Durchschnittsweite des Herstellers – und die ist in Italien eine andere als in Deutschland oder den USA.
  3. Das Material arbeitet. Leder gibt nach, Synthetik kaum, Textil ungleichmäßig. Derselbe Leisten fühlt sich in drei Materialien wie drei Größen an.
  4. Der Fuß ist selbst keine Konstante. Füße schwellen im Tagesverlauf um bis zu vier Prozent an. Wer morgens kauft, kauft für einen Fuß, den er abends nicht mehr hat.
  5. Die beiden Füße sind unterschiedlich groß. Bei den meisten Menschen ist ein Fuß messbar länger als der andere. Schuhe werden trotzdem paarweise in einer Größe verkauft.

Punkt fünf ist der, an dem Kirks Missionsbericht kurz innehält. Eine Spezies, die zwei unterschiedlich große Füße hat und Schuhe ausschließlich in identischen Paaren verkauft, hat sich für die Bequemlichkeit der Logistik gegen die Bequemlichkeit ihrer eigenen Körper entschieden. Auf Varlor hätte das eine Anhörung nach sich gezogen.

Die drei Systeme im Vergleich

Damit die Verwirrung nachvollziehbar wird, hier die Grundeinheiten nebeneinander:

  • EU (Pariser Stich): Schrittweite 6,67 mm. Misst die Leistenlänge. Halbe Größen existieren offiziell nicht, werden aber trotzdem verkauft.
  • UK (Barleycorn): Schrittweite 8,47 mm. Beginnt bei einer Kindergröße 0 von rund vier Zoll Innenlänge.
  • US: Vom UK-System abgeleitet, aber verschoben – bei Herren um etwa eine, bei Damen um etwa zwei Größen. Zwei Länder, ein System, zwei Zahlen.
  • Mondopoint (ISO 9407): Fußlänge und Fußbreite in Millimetern. Eindeutig, überprüfbar, und im Einzelhandel so gut wie nicht anzutreffen.

Die praktische Konsequenz: Zwischen EU und UK liegen ungleiche Schrittweiten, weshalb sich Umrechnungstabellen je nach Hersteller widersprechen. Es gibt keine saubere Formel, weil es keine saubere Grundlage gibt.

Kirk-Meme: Ein Alien hebt an der Supermarktkasse die Hände, weil jede Ware mit einem roten Strahl gescannt wird — Aus dem Roman Alien im Wunderland
Aus dem Roman „Alien im Wunderland“

Was man dagegen tun kann

Kirk ist kein Zyniker, er ist Feldforscher. Sein Bericht endet deshalb nicht mit Spott, sondern mit einer Handlungsempfehlung – abgeleitet aus dem, was funktioniert:

  • Fußlänge in Millimetern kennen. Ferse an die Wand, längster Zeh markieren, messen. Beide Füße. Diese Zahl ist verlässlicher als jede Größenangabe.
  • Am Nachmittag kaufen. Dann ist der Fuß auf seinem Tagesmaximum.
  • Nach dem größeren Fuß gehen. Zu viel Platz lässt sich mit einer Einlegesohle korrigieren, zu wenig nicht.
  • Etwa einen Zentimeter Luft vor den Zehen einplanen. Beim Abrollen wandert der Fuß nach vorn.
  • Die Marke wechseln statt die Größe. Wenn eine Marke dauerhaft drückt, ist nicht die Größe falsch, sondern der Leisten.

Kirks Fazit: Warum passen Schuhgrößen nicht – und warum das so bleibt

Die Antwort auf die Frage, warum Schuhgrößen nicht passen, ist am Ende keine technische, sondern eine kulturelle. Die Menschheit besitzt die Messtechnik, um das Problem in einer Nachmittagssitzung zu lösen. Sie besitzt sogar eine fertige ISO-Norm dafür. Was ihr fehlt, ist der Wille, ein gewachsenes Durcheinander gegen eine langweilige Eindeutigkeit einzutauschen – und die Bereitschaft der Hersteller, ihre Leisten offenzulegen.

Genau an dieser Stelle wird der Roman „Alien im Wunderland“ interessant. Er nimmt sich nicht die großen Katastrophen vor, sondern die kleinen Selbstverständlichkeiten: das Schuhgeschäft, den Supermarkt, den Gottesdienst, den Feierabendverkehr. Xy landet in Nordhessen, wird von der resoluten Oma Gerda aufgelesen – die bei „Kirk“ hartnäckig an Kirk Douglas denkt – und arbeitet sich von dort aus durch eine Welt, die für ihre Bewohner normal ist und für ihn eine einzige Beweisaufnahme.

Wer wissen will, wie sich dieselbe Fassungslosigkeit auf andere Alltagsbereiche anwenden lässt, findet weitere Missionsberichte über warum Menschen überhaupt Kleidung tragen, über Kirks ersten Besuch im Supermarkt, über die Konsumgesellschaft und das ewige Habenwollen und über Geld als Erfindung. Wer lieber beim Grundsätzlichen einsteigt, beginnt bei der Frage, warum Menschen so seltsam sind, bei menschlichen Gewohnheiten aus fremder Sicht oder bei den seltsamen Ritualen der Erdlinge.

Und wer sich fragt, wer dieser Kirk eigentlich ist, warum er sich so nennt und woher er kommt: Das klären der Bericht über seinen Namen, das Porträt seiner Heimatwelt Varlor, das Porträt von Oma Gerda und das Porträt des Autors Thomas Tausend. Wer schon weiter ist, schaut in den Überblick zu Band 2.

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Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum passen Schuhgrößen nicht, obwohl das Messgerät eine exakte Zahl anzeigt?
Weil das Messgerät die Fußlänge misst, die aufgedruckte Größe aber die Leistenlänge angibt. Zwischen beiden liegt die Zugabe vor den Zehen, und deren Höhe legt jeder Hersteller selbst fest. Es gibt keine verbindliche Norm, die die beiden Werte verknüpft.

Welches Schuhgrößen-System ist das genaueste?
Mondopoint nach ISO 9407. Es gibt Fußlänge und Fußbreite direkt in Millimetern an und ist damit das einzige System, das tatsächlich den Fuß beschreibt. Verbreitet ist es allerdings nur bei Skischuhen und beim Militär.

Wie viel Platz sollte im Schuh vor den Zehen sein?
Als Faustregel gilt etwa ein Zentimeter. Beim Gehen wandert der Fuß beim Abrollen nach vorn – ohne diesen Spielraum stoßen die Zehen an.

Worum geht es im Roman „Alien im Wunderland“?
„Alien im Wunderland“ ist ein satirischer Science-Fiction-Roman von Thomas Tausend. Xyphor Venthax, ein Außerirdischer vom Planeten Varlor, strandet in Nordhessen, nennt sich auf der Erde „Kirk“ und wird von der Rentnerin Oma Gerda aufgenommen. Aus seiner Außenperspektive protokolliert er das menschliche Alltagsleben – und macht dabei sichtbar, wie viel davon reine Gewohnheit ist.

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