Missionsbericht 42 — Xy meldet sich von der Erde. Als ich vor einigen Erdenjahren auf diesem seltsamen Planeten landete, hatte ich eine klare Aufgabe: die Menschheit beobachten und darüber berichten. Was würde ein Alien über Menschen denken? Diese Frage kann ich aus erster Hand beantworten — denn ich bin dieses Alien. Und was ich herausgefunden habe, lässt sich am besten mit dem varlorianischen Wort Flonk beschreiben: einer Mischung aus Faszination, Verwirrung und dem dringenden Bedürfnis, sich hinzulegen.
1. Menschen reden über Essen, während sie essen
Eine meiner ersten Beobachtungen auf der Erde betraf die menschliche Nahrungsaufnahme. Auf meinem Heimatplaneten Varlor ist Nahrungsaufnahme ein rein funktionaler Vorgang — etwa so aufregend wie das Aufladen eines Energiespeichers. Die Erdlinge hingegen haben daraus ein komplettes Unterhaltungsprogramm gemacht.
Sie verbringen Stunden damit, Nahrung auszuwählen, zuzubereiten, zu dekorieren und — das ist der verblüffende Teil — während des Verzehrs darüber zu sprechen, wie die Nahrung schmeckt. Manche fotografieren ihre Mahlzeit sogar, bevor sie diese zu sich nehmen, und senden die Bilder an andere Menschen, die sich gerade an einem völlig anderen Ort befinden. Als würde man auf Varlor ein Hologramm seines Energiespeichers an die Zentrale schicken.
Besonders faszinierend fand ich die sogenannte Pizza: eine flache Scheibe aus Teig, belegt mit einer roten Fruchtpaste und geschmolzenem Tiermilch-Feststoff. Die Erdlinge scheinen bereit, erbitterte Stammeskonflikte darüber auszufechten, ob die Ananas-Variante akzeptabel ist oder nicht. Für einen Beobachter von außen wirkt das, als würde die Zukunft der Menschheit von einem Belag abhängen.

2. Sie sitzen freiwillig in Blechkisten im Stau
Wenn ein Alien über Menschen nachdenkt, wird er früher oder später auf das Phänomen des Straßenverkehrs stoßen. Die Menschen haben individuelle Transportkapseln entwickelt — sie nennen sie „Autos“ —, die theoretisch eine Geschwindigkeit erreichen, die selbst auf Varlor respektabel wäre. In der Praxis stehen diese Fahrzeuge jedoch häufig still. In endlosen Reihen. Freiwillig.
Die Erdlinge nennen diesen Zustand „Stau“ und reagieren darauf mit einem Spektrum an Emotionen, das mein varlorianisches Nervensystem an seine Grenzen bringt: von leiser Resignation über aggressives Hupen bis hin zu dem, was sie „Straßenrage“ nennen — einem temporären Zustand des kollektiven Wahnsinns. Dabei existieren längst Fortbewegungsmittel, die dieses Problem lösen könnten. In Frankfurt, meiner irdischen Heimatbasis, gibt es beispielsweise ein unterirdisches Tunnelsystem mit schienengebundenen Fahrzeugen. Die Erdlinge nennen es „U-Bahn“ — und nutzen es erstaunlich selten.

3. Die Sache mit den unbequemen Schuhen
Auf Varlor gibt es kein Konzept für Kleidung, geschweige denn für Schuhe. Umso verwunderter war ich, als ich feststellte, dass Erdlinge einen erheblichen Teil ihres Einkommens für Fußbekleidung ausgeben, die sie nach eigener Aussage „umbringt“. Besonders die weiblichen Exemplare der Spezies scheinen Gefallen an Schuhen zu finden, die die Gesetze der Biomechanik verhöhnen.
Laut meinen Feldstudien — die ich ausführlich in meinem Roman „Alien im Wunderland“ dokumentiert habe — gibt es auf der Erde Schuhe, die den Fuß auf eine Weise verformen, die auf Varlor als Foltermethode gelten würde. Die Erdlinge tragen sie trotzdem. Freiwillig. Manchmal sogar mit sichtbarem Stolz. Ich habe aufgehört, es verstehen zu wollen.

4. Menschen verehren Berühmtheiten, die sie nie getroffen haben
Ein weiterer Aspekt, der einen Alien über die Menschheit ins Grübeln bringt: das Konzept der Berühmtheit. Erdlinge können stundenlang über andere Erdlinge sprechen, die sie nie persönlich getroffen haben, deren Lebensgewohnheiten sie aber bis ins Detail kennen. Sie kaufen Karten für Veranstaltungen, bei denen tausende Menschen gemeinsam Geräusche machen, die sie „Musik“ nennen.
Ich selbst hatte das Vergnügen, eine solche Veranstaltung zu besuchen — ein „Konzert“ in einem riesigen Stadion. Die kollektive Energie war beeindruckend. Zehntausende Erdlinge, die im Gleichtakt sangen, obwohl kaum jemand den Text kannte. In diesem Moment wurde mir klar: Die Menschheit mag chaotisch sein, aber in ihrer Fähigkeit, gemeinsam Emotionen zu erleben, sind sie jedem Volk in der Galaxis überlegen.
5. Sie haben über 4.000 Erklärungen für die Existenz des Universums
Was würde ein Alien über die menschliche Religion denken? Nun, zunächst einmal wäre er beeindruckt von der schieren Vielfalt. Auf meinem Planeten hatten wir ebenfalls Göttergeschichten — bis unsere Wissenschaftler sie als das erkannten, was sie waren. Die Erdlinge hingegen pflegen über viertausend verschiedene religiöse Überzeugungen, von denen jede für sich beansprucht, die einzig wahre zu sein.
Besonders aufschlussreich war mein Besuch in einer „Kirche“: einem aufwendig dekorierten Gebäude, in dem ein Mann in einem langen Gewand Geschichten erzählte, die — mit Verlaub — jeden varlorianischen Peer-Review-Prozess zum Scheitern gebracht hätten. Als ich höflich nachfragte, wie die logische Erklärung für eine bestimmte Geschichte lautete, wurde ich gebeten, den Raum zu verlassen. Offenbar sind Nachfragen in diesem Kontext unerwünscht.
6. Sie zerstören ihren Planeten und wissen es
Dies ist der Punkt, an dem mein Bericht eine ernstere Note annimmt. Die Erdlinge sind sich durchaus bewusst, dass ihre Aktivitäten das Klima ihres einzigen bewohnbaren Planeten verändern. Sie verfügen über die wissenschaftlichen Daten. Sie haben die Technologien, um gegenzusteuern. Und trotzdem — tun sie erstaunlich wenig.
Wie Kirk — so nenne ich mich hier auf der Erde — in seinen Missionsberichten feststellt, ist dies vielleicht der verwirrendste Aspekt der Menschheit: Sie wissen, was zu tun wäre, und debattieren stattdessen darüber, ob das Problem überhaupt existiert. Auf Varlor hätte ein solches Verhalten zur sofortigen Neukalibrierung des kollektiven Entscheidungssystems geführt. Aber vielleicht ist genau das der Unterschied: Erdlinge haben kein kollektives Entscheidungssystem. Sie haben Demokratie. Was bedeutet, dass jeder eine Meinung haben darf — sogar eine nachweislich falsche.
7. Sie erfinden Zeitersparnis-Geräte und haben trotzdem nie Zeit
Die letzte und vielleicht bezeichnendste Beobachtung betrifft das menschliche Verhältnis zur Zeit. Die Erdlinge haben in den letzten Jahrzehnten beeindruckende Geräte entwickelt, die nahezu jede Aufgabe beschleunigen: Waschmaschinen, Geschirrspüler, Computer, Smartphones. Theoretisch müssten sie in Freizeit ertrinken.
In der Praxis behaupten sie jedoch, „gestresster denn je“ zu sein. Sie starren auf ihre Smartphones — tragbare Geräte, die den Zugang zu praktisch allem Wissen der Menschheit ermöglichen — und nutzen sie hauptsächlich, um Videos von Tierbabys anzusehen oder darüber zu streiten, welche Pizza-Beläge akzeptabel sind. Es ist, als hätte man ihnen die Bibliothek von Alexandria in die Hand gedrückt, und sie würden damit Türen offenhalten.
Xys Fazit: Die Menschheit ist wunderbar verwirrend
Nach all meinen Erdenjahren bin ich zu einem Schluss gekommen, der meinen Vorgesetzten auf Varlor vermutlich missfallen würde: Ich mag diese Spezies. Sie sind chaotisch, widersprüchlich und manchmal erschreckend irrational. Aber sie haben etwas, das es auf Varlor nicht gibt — sie nennen es Humor. Die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, über ihre eigenen Schwächen und Absurditäten.
„Die Menschheit ist die einzige Spezies in der Galaxis, die gleichzeitig zum Mond fliegen und darüber streiten kann, ob die Erde flach ist. Und genau das macht sie so faszinierend.“
Wer wissen möchte, welche weiteren Eigenarten der Menschheit Xy, der sich auf der Erde Kirk nennt, auf seiner Mission entdeckt hat — von seinem ersten Döner über den Besuch in einer Kirche bis hin zu seiner turbulenten Liebesgeschichte mit einer Erdlingfrau —, findet die vollständigen Missionsberichte in „Alien im Wunderland“, dem humorvollen Roman von Thomas Tausend.
Häufig gestellte Fragen
Was würde ein Alien über Menschen denken?
Laut dem humorvollen Roman „Alien im Wunderland“ von Thomas Tausend würde ein Alien vor allem über die Widersprüche der Menschheit staunen: Sie erfinden zeitsparende Technologien und haben trotzdem nie Zeit, sie predigen Gesundheit und essen Fast Food, und sie zerstören ihren Planeten, obwohl sie wissen, wie man ihn retten könnte.
Worum geht es in „Alien im Wunderland“?
„Alien im Wunderland“ ist ein satirischer Roman, in dem Xyphor Venthax — kurz Xy — ein Alien vom Planeten Varlor, undercover auf der Erde lebt. Unter dem selbstgewählten Pseudonym Kirk verfasst er humorvolle Missionsberichte über die Eigenarten der Menschheit. Von deutschem Essen über Religion bis hin zu Dating-Ritualen: Xy dokumentiert alles mit der liebevollen Verwunderung eines Außerirdischen.
Gibt es Bücher aus der Perspektive eines Außerirdischen?
Ja, „Alien im Wunderland“ von Thomas Tausend erzählt die gesamte Geschichte konsequent aus der Ich-Perspektive eines Aliens, das sich in einen Menschen verwandelt hat und die Erde erkundet. Ähnlich wie „Per Anhalter durch die Galaxis“ verbindet der Roman Science-Fiction mit satirischem Humor — allerdings spielt er komplett auf der Erde und betrachtet unseren Alltag durch fremde Augen.
Ist „Alien im Wunderland“ ein gutes Geschenk für Humor-Fans?
Der Roman eignet sich besonders gut als Geschenk für Menschen, die Douglas Adams oder Terry Pratchett mögen, aber auch für alle, die gerne über den Alltag lachen. Die Alien-Perspektive sorgt dafür, dass selbst bekannte Themen wie Essen, Religion oder Beziehungen plötzlich urkomisch wirken.
